Martin Luu – Der erste vietnamesische Bierbrauer in ganz Bayern

Die Bierexperten haben ihn für Euch interviewt.

Ein gebürtiger Vietnamese mit Allgäuer Dialekt? Ein Vietnamese der die deutsche Braukunst seit über 30 Jahren lebt? Das ist Martin Luu (59) aus Heimenkirch im Allgäu. Die Bierexperten möchten diese ganz besondere Geschichte mit euch teilen. Welch wichtige Rolle das Bier dabei einnimmt, erfahrt ihr im folgenden Beitrag.

Der Weg zur Freiheit

Wir schreiben das Jahr 1980. Martin Luu kommt im tiefsten Winter, bekleidet mit Flip-Flops und kurzer Hose, am Münchener Flughafen an. Endlich angekommen… Noch vor ein paar Stunden befand er sich auf dem chinesischen Meer in einem sinkenden Fischerboot. Martin Luu ist einer der sogenannten Boat-People, die in der Folge des Vietnamkriegs ihrem Traum nach Freiheit folgten und sich auf eine lebensgefährliche Flucht eingelassen haben. Flucht vor dem Kommunismus. Flucht vor der Sklaverei. Flucht vor der Todesfolter.  Knapp 250.000 Menschen fanden im chinesischen Meer den Tod. Er befand sich mit 38 Landsleuten auf einem Fischerboot, das wie der Name sagt, nicht für das offene Meer gebaut wurde. „Eingepfercht, wie Sardinen in der Dose fuhren wir ohne Familie, ohne Hab und Gut aber mit grenzenloser Hoffnung ins offene Meer hinaus.“ 3 Tage und 3 Nächte dauerte es, bis das Wasser ins baufällige Boot lief. Mit ihren bloßen Händen haben sie um ihr Leben geschöpft. Gerade noch rechtzeitig kam die Cap Anamur, das deutsche Rettungsschiff, das in dieser Zeit etwa 2000 Flüchtlingen das Leben rettete, zur Hilfe.

Neue Heimat

Jetzt steht er in München und realisiert langsam, dass er es geschafft hat. Schnee, das erste Mal in seinem Leben sieht er Schnee. „Als uns der Schnee entgegenflog habe ich kein bisschen Kälte gespürt, sondern pure Begeisterung. Es fielen riesengroße weiße Flocken vom Himmel, die ich nur aus Büchern kannte. Wir alle versuchten die Schneeflocken zu fangen. Alle tollten im Schnee herum, bis der Dolmetscher uns zu rief: Leute, sagt mal wollt ihr euch eigentlich alle eine Lungenentzündung holen?“
1980 wurde er mit 80 weiteren Vietnamesen einem bayerischen Dorf zugeteilt. Heimenkirch im Allgäu, ein kleines, idyllisches Dorf im Alpenvorland. „Die Menschen im Allgäu haben uns so gut empfangen. Ich bin noch bis heute so dankbar, dass uns so viel Wärme geschenkt wurde. Sie haben uns von Anfang an als festen Teil ihrer Gemeinschaft gesehen und uns in jeder Phase unserer Integration unterstützt.“ Er hat sich sofort in diesen magischen Ort verliebt. Den Großteil der 80 Flüchtlinge zog es mit den Jahren in die Großstädte. Martin Luu lebt bis heute in seiner neuen Heimat.

Der erste vietnamesische Bierbrauer in Bayern

Dieser Ort ist der richtige für mich.“ Er wollte sich hier im Allgäu ein neues Leben aufbauen und hat sich deshalb sofort Arbeit gesucht, auch um dem Staat, der ihn so gut aufgenommen hat nicht länger auf der Tasche zu liegen. So führte der erste Weg zur Meckatzer Löwenbräu, einer Traditionsbrauerei im Familienbetrieb. Das Meckatzer Weiß-Gold gilt als die erste registrierte Allgäuer Biermarke und erfreut sich im süddeutschen Raum, besonders im Allgäu, am Bodensee und in Oberschwaben großer Beliebtheit. Ohne Vorbildung wandte er sich direkt an den damaligen Brauereichef Benedikt Weiß und bat ihn um einen Job. Dieser gab ihm eine Chance und so begann Martin Luu’s ganz persönliche Geschichte mit dem Bier. Er fing zunächst als Malerhilfskraft und „Mädchen für alles“ an. Nach zweieinhalb Jahren in der Brauerei bekam er einen immer größeren Bezug zum Bier und zur Braukunst. Mit dem Wunsch Bierbrauer zu werden, wandte er sich erneut an Benedikt Weiß. Dieser schenkte ihm das Vertrauen und Martin bekam seinen Ausbildungsvertrag zum Bierbrauer. Nach zweieinhalb Jahren schloss er im Jahre 1985 die Ausbildung erfolgreich ab und war damit der erste vietnamesische Bierbrauer in ganz Bayern.

Qualitätssicherung – Martins Aufgabe für die Brauerei

Nach über 30 Jahren ist er noch immer für die Meckatzer Löwenbräu tätig, die Brauerei in der er einst als Malerhilfskraft und Mädchen für alles begann. Sein Aufgabengebiet umfasst die Qualitätssicherung der Brauerei. Als Laborant kümmert er sich um die Qualitätsprüfung entlang der gesamten Produktionskette. Von den Rohstoffen bis hin zum abgefüllten Bier. Die Rohstoffe werden erst angenommen, wenn sie durch Martins Hände gegangen sind. Malz, Hopfen und Hefe werden streng auf bestimmte Qualitätsmerkmale kontrolliert und nur dann, wenn sie den Qualitätsanforderungen der Brauerei entsprechen, werden sie von ihm zur Verarbeitung freigegeben. Er überwacht auch die Produktion: Die Bierwürze, das Jungbier im Gärkeller, die Nachreifung der Biere im Lagerkeller, die Filtration der Biere sowie die Abfüllung der Flaschen- und Fassbiere werden mit Martins kritischen und erfahrenen Augen strengstens geprüft. Im Labor werden die Produkte  Chemisch-Technischen-Analysen (CTA) und mikrobiologischen Untersuchungen (MBU) unterzogen. „In der Prüfung muss man sehr penibel sein und man darf keine Nachlässigkeit zeigen.“ Alle Ergebnisse werden genauestens für die Rückverfolgbarkeit dokumentiert.

Martin Luu dokumentiert die Ergebnisse seine Laboruntersuchungen bei der Qualitätssicherung der Brauerei

Martin und das Bier (Interview)

Was bedeutet Biergenuss für dich?

Bier ist für mich ein Genussgetränk. Ich genieße mein Bier sehr gerne zum passenden Essen. Der Genuss des Bieres ist für mich auch eine Art Belohnung für meine Arbeit. Denn jedes Meckatzer Weiss-Gold das ich trinke, habe ich auf Qualität geprüft. Ich weiß was drin ist, und das schmeckt mir!

Wie würdest du den Geschmack des Meckatzer Weiss-Gold beschreiben?

Das Meckatzer Weiss-Gold ist ein einzigartiges Bier. Im Gegensatz zu Brauereien, die Massenproduktion betreiben, wird das Bier bei uns nach dem sogenannten Slowbrew-Verfahren gebraut. Dabei wird der einzigartige Geschmack durch eine besonders langsame Gärung und schonende Reifung erreicht. Die Nachahmung unseres Bieres wird nicht gelingen. Den Geschmack würde ich als vollmundig, süffig, mit angenehmen Aromen, leicht süßlich und mit einer angenehmen Herbe im Nachtrunk beschreiben.

Wie viel Bier trinkst du?

Ich trinke nicht viel, da das Bier für mich ein Genussmittel ist. Wie ich schon sagte gerne zum Essen oder zum verdienten Feierabend mit Kollegen. Dabei maximal 2 Gläser.

Inwiefern unterscheidet sich das deutsche Bier von dem Bier, das du aus Asien kennst?

Auch in Asien wird gerne Bier getrunken. Allerdings hat das mit deutschem Biergenuss relativ wenig zu tun. Dort wird das Bier mit Eiswürfeln getrunken, was hier in Deutschland ein absolutes No-Go ist. Das deutsche Bier wird nur aus Malz, Wasser, Hopfen und Kulturbierhefen gebraut. Das Reinheitsgebot hat hier einen hohen Stellenwert. In Asien werden auch Rohstoffe wie Mais, Reis und andere Getreidesorten verwendet, was nicht unbedingt meinen Geschmack trifft.

Deine Lieblingsbiersorte? (Helles, Pils, Weizen, etc.)

Ganz klar das Weiss-Gold! Aber auch einen Weizen trinke ich sehr gern.

In der Brauerei arbeiteten damals fast ausschließlich alteingesessene Urallgäuer, die im tiefsten Allgäuer Dialekt reden. Die deutsche Sprache ist ja schon nicht ganz leicht, aber dann auch noch in dem Dialekt? War das eine große Herausforderung für dich?

Ja das stimmt, in der Brauerei arbeiten fast nur Allgäuer deren Muttersprache nicht deutsch, sondern Allgäuerisch ist. (lacht) Da hatte ich anfangs sehr sehr große Probleme mit der Kommunikation. Aber heute ist es kein Problem mehr. I bin ja selber an Allgaier und für mi isch hochdeitsch wiascht“ soll heißen: Ich bin ja selbst ein Allgäuer und für mich ist hochdeutsch wüst.

Zum Weißbier eine Weißwurst, ein herbes Pils zum Sonntagsbraten. Wie ist dein Bezug zur deutschen Küche?

Die deutsche Küche genieße ich mit ganzem Herzen, genau wie die vietnamesische Küche auch. Ich muss zugeben, anfangs waren bestimmte Gerichte für mich sehr sehr eigenartig, fragwürdig und ich weiß, das soll man nicht über Essen sagen, eklig. In Vietnam bzw. in Asien wird ja mit Stäbchen gegessen. Das heißt, Fleisch, Fisch etc. wird alles in mundgerechte Stücke geschnitten. Da war das für mich sehr sehr eigenartig als man mir das erste Mal ein dickes Paar Weißwürste auf den Tisch gestellt hat. Die sahen für mich erstens sehr komisch aus (lacht) und zweitens konnte ich mir nicht vorstellen, dass das wirklich Fleisch ist. Aber mittlerweile liebe ich Weißwürste und die gesamte bayerische und schwäbische Küche.

Prost aufs Leben!

Wir erinnern uns: Martin kam mit nichts nach Deutschland. Ohne Familie, Ohne Sprachkenntnisse. Alles was er besaß war die Kleidung die er trug.  Nach über 3 Jahrzenten sagt Martin heute:
Ich kann mir kein erfüllteres Leben vorstellen. Ich habe eine wunderbare Frau, 2 wunderbare Kinder, ich liebe meinen Job und lebe an dem für mich schönsten Ort der Welt.“ Er spricht mittlerweile selbst im allgäuerischen Dialekt und gilt in Heimenkirch selbst schon als Allgäuer-Urgestein. Martins Geschichte ist das perfekte Beispiel dafür, wie gut Integration funktioniert, wenn beide Seiten mithelfen. Er hat von null angefangen und sich Schritt für Schritt ein neues, glückliches Leben aufgebaut. Wir lernen daraus, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und für das zu kämpfen, was uns glücklich macht. Das finden wir sehr inspirierend. Hebt deshalb gemeinsam mit den Bierexperten euer kühles Bier in die Höhe und lasst uns auf das Leben anstoßen! Prost!

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